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Das sixtinische Prinzip – Die Sixtus Werke GmbH & Co

Hausham, Schliersee



Chippendale, das ist wohl der Stil dieses Büros, das heute als Besprechungszimmer dient: das alte Arbeitszimmer vom Vater und Firmengründer. So belassen, als wäre er nur gerade mal vorne im Kontor und käme gleich zurück, dabei ist Fritz Becker senior schon vor 30 Jahren für immer gegangen.

 

Voll gestellt mit Werbematerial ist das schmale Zimmer, alte Fotos an der Wand, in der Glasvitrine Folianten mit mönchischem Kräuterwissen und den Klassikern der Homöopathie. Auch Tassen mit Blümchenmuster, die Anton Becker eigenhändig hervorholt und mit Kaffee füllt. Das Aroma überdeckt für kurze Zeit den Duft nach Blumen, Kräutern und ätherischen Ölen, der diesem Haus sonst eigen ist.

 

Anton Becker ist der Kaufmann, Franz hat die Produktideen, Fritz hat die Nase des Parfumeurs. Drei Brüder, 62, 69 und 75 Jahre alt, die diese Firma seit drei Jahrzehnten lenken. Bis 2000 waren sie sogar zu viert, bis Josef sich mit seinem Familienstamm zurückzog und ausgezahlt wurde.

 

An Rückzug scheinen die drei übrigen Geschäftsführer - zu gleichen Teilen an der Firma beteiligt - nicht zu denken. Sie wirken zwar irgendwie gemütlich und nicht von ungesundem Ehrgeiz zerfressen, aber haben wohl auch keine Wahl, denn die Zahl der Nachfolger ist überschaubar: ein Pharmazeut, 38, Sohn von Fritz, der aber in einer Arzneimittel Firma (bei der Konkurrenz) Karriere macht; und ein Betriebswirt, 29, Sohn von Anton, der gerade mit dem Studium fertig ist. Ob man die beiden wird locken können, scheint nicht ganz klar. "Wir lassen es auf uns zukommen", sagt Anton. "Auch ein junger Unternehmer von außen wäre uns willkommen", sagt Franz. In jedem Fall würde man die Anteile nur schrittweise abgeben und sich nach und nach aus der Führung zurückziehen.

 

Ob man heute noch Unternehmer von ihrem Schlag findet? Mit der nötigen Demut vor der Aufgabe? Die drei Herren im Janker wissen: "Wir müssen harmonieren", So formuliert es jedenfalls Anton. "Einer braucht den anderen, und jeder hat auf seinem Gebiet so viel zu tun, dass er sich beim anderen gar nicht einmischt". Hält man so viel brüderliche Nähe auf die Dauer aus? Anton sagt, in der Firma lebe man so intensiv zusammen, dass man privat lieber eigene Wege gehe. "Natürlich gibt es Konflikte" sagt Bruder Franz unverblümt. "Große Entscheidungen fallen einstimmig. Es herrscht das sixtinische Prinzip. Man hockt so lange beieinander, bis weißer Rauch aufsteigt".

 

Zu neunt war man als Kind, fünf Schwestern waren noch da (sie erbten später ein kleines Kurbad im Ort). Kam Streit auf, so gab es erst "a Watschn" dann "a Busserl" und dann sagte die Mutter "Seids wieder gut", wie Anton erzählt. Der Vater war die typische charismatische Unternehmerpersönlichkeit: Zauderer und Bedenkenträger wurden mit dem Spruch "Kann nicht geht nicht gibt's nicht" abgebügelt.

Anton sagt: "Wir haben Achtung vor seiner Leistung". Und hatte der Vater denn Achtung vor seinen Kindern? "Er hat uns die Freiheit gegeben, die Dinge selbst zu tun. Er hat uns werkeln lassen. Und uns Verantwortung übertragen".

In der Vollversammlung der IHK ist Anton als Vertreter der Chemie und war Vorsitzender im Gremium von Bad Tölz-Miesbach.

 

Drogist hatte er gelernt, der Vater Fritz Becker. Seine Familie stammte aus Wilhelmshaven, er selber arbeitete in München in Forschung und Vertrieb der Firma Schwabe, Hersteller pflanzlicher Arzneimittel aus Karlsruhe, der heute noch existiert. Bald wollte Fritz sich selbständig machen, um ein Fußbalsam herzustellen. In Schliersee konnte eine Drogerie nebst Laboratorium erworben werden, die schon erfolgreich ein Hautöl anbot und benannt war nach der uralten St. Sixtus-Kirche im Ort, die ihren Namen wiederum von Papst Sixtus II. hatte.

 

Gründungsdatum der jungen Firma war ausgerechnet der 1. September 1939: Der Gründer lieferte Fußbalsam für den Russlandfeldzug und Sonnenschutzmittel für das Nordafrika-Korps. 1945 zog die Firma in ein ehemaliges Sägewerk am Urtlbach, ihrem heutigen Sitz am Hang über dem Ort. Damals zählte man 110 Mitarbeiter, heute sind es nur noch knapp 50, sagt Anton Becker.

 

Die Produktion sitzt seit 1983 im Nachbarort Hausham, in zwei kleinen Gebäuden des ehemaligen Bergwerks. Hier wird von einem Dutzend Mitarbeitern gerührt, gewogen, gemischt, erhitzt und abgefüllt. Die Kräuterauszüge macht Sixtus selbst, die ätherischen Öle aber werden von ausgesuchten Destillationsfabriken zugekauft. Ausnahme: ein Heuöl, für das unberührte Wiesen am Reschenpass mit der Sense gemäht werden; der Ernte widerfährt hernach am Wissenschaftszentrum in Weihenstephan eine schonende CO2-Destillation.

 

Hornhaut, Fußschweiß, Brennen und Jucken, Risse und Schrunden - Sixtus will diese Probleme lösen, gibt aber als Pflegemittelhersteller naturgemäß kein Heilversprechen ab. "Sixtuwohl" und andere Produktreihen mit dem lachenden Fuß oder einem Edelweiß als Markenzeichen sind altmodische Hausmittel aus der Kräuterküche, die vorwiegend über die behandelnde Branche vertrieben werden, also Fußpflege und Kosmetik. Auch Orthopädie-Fachgeschäfte, Sanitätshäuser und Apotheken führen die Pflegemittel mit dem kräftigen Aroma. Bei der Drogeriemarktkette Müller, aber auch nur dort, ist Sixtus seit acht Jahren mit einer Serie von Fußpflegeprodukten gelistet.

 

Tradition hat auch das Geschäft mit dem Sport. Seit 1952 ist die Firma Ausrüster der Olympia-Nationalmannschaft. Man sponsert mit bescheidenen Mitteln verschiedene Sportverbände. In Schliersee hat Sixtus einen eigenen Triathlon-Wettbewerb initiiert. Selbst in privaten Sportlerkreisen sind die Salben, Balsame und Öle gar nicht so unbekannt, wie man vermuten würde. In Radsportgeschäften sollen die Produkte, die man vor, während und nach dem Sport anwenden kann, angeblich Standard sein. 20 Prozent vom Umsatz entfielen auf den Sportbereich, sagt Anton Becker, 60 Prozent auf die Fußpflege, der Rest auf Kosmetik und Badezusätze.

 

Stolz sind die Beckers auf ein neues Pump-System in der Plastikflasche ("Airless"), mit dem sich Cremes sauber dosieren lassen; es wurde zusammen mit einem Partner entwickelt. Auch am Duft hat man gearbeitet. Da die Vertreter draußen nach Schliersee durchgaben: "Das riecht zu streng", wurde er sanfter und frischer gemacht.

 

Den Umsatz beziffert Becker auf fünf Millionen Euro, den Exportanteil auf erstaunliche 45 Prozent. Er reicht ein Foto seines koreanischen Importeurs über den Tisch: Der hat in der Fußgängerzone von Seoul einen Sixtus-Laden in knalligem Blau-Gelb eröffnet. Das soll aber nicht der Anfang eines Reigens eigener Sixtus-Läden sein, so wie der Wettbewerber Scholl es ja schon einmal versucht und wieder aufgegeben hat.

 

Auch den Online-Handel betreibt Sixtus nicht in Eigenregie, sondern beliefert Internet-Händler. Man steht zum bewährten Konzept, gibt sich bescheiden, bleibt den 10.000 deutschen Fußpflegern treu und wirbt für die eigenen Produkte nicht mit Millionen, sondern mit - Proben.

 

Text: Cornelia Knust







Anton Becker (Dipl.-Kfm. Geschäftsführer Sixtus)

 




Das Traditionsunternehmen Sixtus setzt bei der Werbung vornehmlich auf Produktproben und die Unterstützung von Sportveranstaltungen.

 




Arzneibuch mit Kräuterwissen von 1584





Anton Becker mit Filialleiter in Seoul, Korea



 



www.sixtus.de