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Almwirtschaft – über die Erhaltung der Kulturlandschaft durch bäuerliche Bewirtschaftung


von Michael Hinterstoißer
Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Miesbach





Die Geschichte der Besiedlung des Tegernseer Tales beginnt vor fast 2000 Jahren. Felszeichnungen aus der Römerzeit, die hier erstmalig in den nördlichen Kalkalpen nachgewiesen wurden, lassen auf eine almwirtschaftliche Tätigkeit um 200 bis 300 Jahre nach Christi schließen.

Mit der Klostergründung in Tegernsee im Jahre 746 kamen die Benediktiner, die viele Menschen brauchten, um den dichten Wald zu roden und landwirtschaftliche Flächen zu schaffen.
Der Mensch hätte in dieser Gebirgslandschaft ohne Rinder, die als Wiederkäuer mithilfe des Vormagensystems zur Verwertung von Raufutter wie Gras und Heu in der Lage sind, nie überleben können. Ohne Rinder, die Gras und Heu in hochwertige Lebensmittel wie Milch und Fleisch umwandeln können, gibt es keine alpine Kulturlandschaft.

Um die Flächen im Tal für die Gewinnung von Winterfutter nutzen zu können, wurden unter großen Mühen Flächen im Gebirge gerodet – die Almen. Jedes Stück Vieh diente damals der Ernährung einer stetig wachsenden Bevölkerung. Arbeitskräfte, die für eine tägliche Mahlzeit ihre Dienste anboten, gab es ausreichend. So sorgten noch bis in die Nachkriegszeit "Küahbuam" und Almputzer dafür, dass die gesamte Alm einschließlich der weitläufigen Waldweideflächen plan-mäßig abgeweidet und Unkräuter entfernt wurden.

Heute kämpfen Bergbauernhöfe ums Überleben, da sie unter wesentlich ungünstigeren Gelände-ausformungen und klimatischen Bedingungen produzieren müssen als ihre Berufskollegen im Vorland und im Ackerbaugebiet. Deutlich wird dies immer wieder im Frühjahr, wenn in tiefer gelegenen Gunstlagen schon der erste Silageschnitt geerntet wird, während sich in den Höhen-lagen der letzte Schnee gerade verabschiedet und das Wachstum erst beginnt.
Der Zeitunterschied, der mit teurem Winterfutter überbrückt werden muss, kann allein im Frühjahr bis zu drei Wochen ausmachen. Trotz guter Qualifizierung und viel Idealismus können unsere Bergbauern diesen Konkurrenzkampf gegen ihre Kollegen in der norddeutschen Tiefebene oder in Holland, aber auch in benachbarten Regionen nur bestehen, wenn ergänzende Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Hierzu gehört in erster Linie eine Anerkennung in der Gesellschaft, die bereit sein muss, aus Steuermitteln auch Bergbauernprogramme zu finanzieren. Im Almbereich helfen entsprechende Infrastrukturen wie der Wegebau, um bei der heute knappen Arbeitskapazität auf den Höfen die Freiflächen im Gebirge erhalten zu können.


Almen sind kein Museum

Um eine Alm dauerhaft bewirtschaften zu können, sind Fahrwege unerlässlich.

Der Bauer muss mit seiner knappen Arbeitskräfteausstattung die Möglichkeit haben, jederzeit die Flächen im Gebirge erreichen zu können. So fallen regelmäßig eine Fülle von Transportarbeiten an: sei es Baumaterial für das Almgebäude, Werkzeug und Geräte, Zaunstempen und Draht, Viehsalz und Kälberfutter sowie Lebensmittel und Getränke.
Eine wichtige Funktion erfüllen Fahrwege, um Tiere und Menschen, die verunglücken oder krank werden, abtransportieren zu können. So hat der Almbauer auch als Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht für sein Personal.
Wenn Kritiker des Wegebaus als Alternativvorschläge zu einem Fahrweg den Bau von Materialbahnen, den Einsatz von Tragtieren oder Spezialfahrzeugen empfehlen, so muss deren almwirtschaftlicher Sachverstand stark bezweifelt werden. Die genannten Alternativen verursachen unter dem Strich immense Kosten, erfordern bei der Erstellung zum Teil gewaltige Eingriffe in die Natur, sind aber für sehr wichtige Arbeiten wie den Abtransport eines kranken Rindes völlig ungeeignet.
Dann kommt oft sogar der Vorschlag, die Alm aufzulassen, ehe ein Weg gebaut wird.
Die gleichen Leute, die sich um wenige Quadratmeter überbaute Biotopfläche sorgen, würden dann in Kauf nehmen, dass auf vielen Hektar die Artenvielfalt verschwindet. Die zahlreichen Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiete sowie Natura-2000-Flächen würden bei Aufgabe der Alm massiv an Biodiversität einbüßen. Deshalb ist der Begriff "Ohne Wege keine Pflege" nicht ein einprägsames Schlagwort, sondern fachlich begründet. Erst vor kurzer Zeit prägten Vertreter eines bedeutenden Naturschutzverbandes das Schlagwort einer "musealen" Almwirtschaft.
Für Almbauern, die mit hohem Arbeitsaufwand ihre Höfe erhalten und ihre Familien ernähren, ohne dabei reich zu werden, bedeutet diese Aussage eine massive Beleidigung.
Natürlich wäre im Zeitalter der Globalisierung ein Verzicht auf das Futter von der Alm möglich, denn billige Lebens- und Futtermittel, die zum Teil unter niedrigen sozialen Standards und ohne Beachtung von Umweltauflagen produziert werden, können mit hohem Energieaufwand rund um die Welt nach Europa transportiert werden. Für jeden einzelnen Bergbauern tragen aber die Almflächen häufig seit Jahrhunderten ganz wesentlich zur Existenzsicherung des Betriebes bei.
In einer Zeit, in der aufgrund des großen Energiehungers der Menschen, der wachsenden Weltbevölkerung und der fortschreitenden Wüstenbildung vermehrt Lebensmittel als Energielieferant genutzt werden, muss der Blick in die Zukunft gerichtet werden. Almflächen, die einmal in Notzeiten angelegt wurden, werden auch in Zukunft zur Ernährung der Menschen unentbehrlich sein.


Almen sind wie bunte Perlen in einer monotonen Waldlandschaft


Grundlage für eine gesunde Jungviehaufzucht waren früher wie heute die Almen, auf denen sich die Tiere in einer natürlichen Umgebung artgemäß verhalten können. Hierzu zählen die Futteraufnahme durch Beweidung sowie ausreichend Bewegung in den Hochlagen, wodurch sich die Tiere eine natürliche Abhärtung erwerben.

Nach wissenschaftlichen Untersuchungen legen die Rinder bei der Futtersuche, bei der sie im Durchschnitt 50 kg Weidegras pro Tag aufnehmen, bis zu 5 km zurück.

Das stärkt die Muskulatur und die inneren Organe wie bei einem Höhentraining eines Leistungssportlers. So treten auch bei geälpten Kalbinnen kaum Probleme bei der Kalbung auf. Die Einkäufer auf dem Miesbacher Zuchtviehmarkt kennen diese Vorteile ebenfalls und bevorzugen Jungkühe von der Alm, die sich zudem problemlos in die neue Laufstallherde integrieren lassen. Auf der Alm erlernen sie nämlich ein ausgeprägtes Gruppenverhalten und müssen umfangreiche Anpassungsstrategien entwickeln, um je nach Witterung bei Sonne, Regen, Wind, Schnee und Ungezieferplage die richtigen Weideplätze auf zusuchen. Bei heißer Witterung mit Bremsen- und Fliegenplage sind die Gratlagen recht begehrt, da der darüber ziehende Wind die Insekten vertreibt. Bei Schneefall finden die Tiere in tieferen Lagen unter locker stehenden Bäumen Schutz und Futter.

Dies alles ist real gelebte und tiergerechte, aber nicht museale, sondern traditionelle Almwirtschaft, auf die unsere Bergbauernhöfe keinesfalls verzichten können.

Bei Tierschauen nehmen Almtiere oftmals Spitzenpositionen ein. Neben diesen einzelbetrieblichen Gründen gewinnt die Almwirtschaft heute zunehmend an Bedeutung, da nur sie Garant ist für eine Kulturlandschaft, die von Einheimischen und Touristen gleichermaßen geschätzt wird. Wenn die Beweidung der Gebirgsflächen eingestellt wird und keine Pflegemaßnahmen mehr durchgeführt werden, erobert sich der Wald die Flächen wieder zurück, die der Mensch unter großen Mühen gerodet hat. Wenn die Freiflächen im Wald versinken, verlieren viele seltene und sogar geschützte Pflanzen und Tiere, die auf eine offene Landschaft angewiesen sind, ihren Lebensraum. Damit geht auch der Kräuterreichtum verloren, den die Menschen als Grundlage zur Heilung von Krankheiten heute wieder entdeckt haben. Hier sei nur die allseits bekannte, aber mittlerweile selten gewordene Arnika genannt, die zum Überleben Freiflächen braucht, die durch Beweidung erhalten werden. Dies trifft auf die meisten der Almkräuter zu. Nahezu 50 Prozent der Pflanzenarten auf den Almen bestehen aus Kräutern. Wenn Almen mit Bäumen zuwachsen, verschwindet eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft, die ihren Reiz durch den Wechsel von Wald-, Weide- und Felsflächen bezieht. Dieser Verlust hätte gleichsam Auswirkungen auf den Tourismus, der für die wirtschaftliche Entwicklung einer Region und für den Erhalt von Arbeitsplätzen unentbehrlich ist.